Die Liebe ist (k)ein seltsames Spiel …

Predigt über 1. Joh.4,7 – 12 am 13. Sonntag nach Trinitatis in Altenstein und Hafenpreppach (21.8.2016)

 „Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden. Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.“

Die Liebe ist ein seltsames Spiel / sie kommt und geht von einem zum andern…“ Conny Francis hat das vor einem halben Jahrhundert gesungen. Vielleicht erinnern sich die Älteren daran und spüren dabei einen Hauch von Wehmut. „Das haben wir gehört, als wir jung waren…“ seufzen sie und beginnen vielleicht zu lächeln. Die Melodie bringt mit dem Ohrwurm auch die Jugend zurück, wenigstens für ein bis zwei Minuten beim Zuhören, die Zeit, als sie frisch verliebt, verlobt oder verheiratet waren, als sie die ersten Einsätze gewagt haben in diesem Spiel. Vielleicht haben Sie inzwischen gelernt, dass die Liebe nicht nur ein seltsames, sondern ebenso ein sich wandelndes und nie wirklich endendes Spiel ist. Unerschöpflich ist es und ebenso alt wie die Menschheit und manchmal nimmt es tragische Züge an. Das haben Adam und Eva erlebt und andere biblischen Persönlichkeiten danach ebenso: Samson und Delila zum Beispiel, oder David und Bathseba, Herodes und Salome. Der Dichter des Hohenliedes besingt die Liebe in einer Sprache und Deutlichkeit, die Konfirmanden früher hat rot werden lassen. Wer diese erotischen Gedichte der Bibel liest, wundert sich: so etwas steht auch in diesem Buch? Die Theologen haben sich viel Mühe gegeben, diese Gedichte zu interpretieren. Nein, nein! sagten sie. Da geht es nicht um Erotik. Besungen wird die Liebe Gottes zu seinem Volk. Wers glaubt!

„Die Liebe ist ein seltsames Spiel / sie kommt und geht von einem zum andern. / Sie nimmt uns alles, doch sie gibt auch viel zu viel / die Liebe ist ein seltsames Spiel.“ Der Refrain unseres Schlagers aus den Sechzigern ist nicht unter den Lieder der Bibel zu finden und enthält trotzdem eine biblische Wahrheit, wenigstens einen Funken davon. Die Liebe ist eine Kraft, die Menschen in Bewegung setzt, stürmisch und leidenschaftlich zuweilen und dann wieder zögerlich und ängstlich, eine Bewegung hin zu einem anderen Menschen, der sich in ein geliebtes Gegenüber verwandelt, in einen Menschen, den man lieb hat, an den man Tag und Nacht denken muss und der Wohnrecht im eigenen Herzen beansprucht. So ist das, wenn man verliebt ist.

Gott hat dieses seltsame Spiel erfunden, er hat es uns vorgemacht, gezeigt, wie es geht, wie es gedacht war. Gott hat den Menschen geschaffen und gesagt: es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Er hat dem Adam die Eva zur Seite gestellt. Liebe soll geteilt werden, soll weitergegeben werden. Manchmal findet dieses seltsame Spiel ein glückliches Ende, so wie es von Gott gedacht war und manchmal endet es – wie gesagt – tragisch.

Und wir sollen mitmachen, bei diesem Spiel? Jedenfalls deute ich so die Worte aus dem 1. Johannesbrief. Dort hören wir den Aufruf: „Lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott!“ Daran soll man erkennen, ob ein Leben nach dem Willen Gottes ist oder nicht. Man soll es daran erkennen, ob einer zur Liebe fähig ist. Die Liebe soll Gestalt annehmen im Leben, so wie Gottes Liebe Gestalt angenommen hat in Jesus Christus. Schließlich heißt es:   „.Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.“

Was ist jetzt angesagt? Kopfschütteln oder Stirnrunzeln? Vielleicht von allem ein wenig. Von welcher Art Liebe ist in diesem Zusammenhang die Rede? In dem Schlager von Conny Francis ist das ja eindeutig. Da geht es um die Liebe zu einem anderen Menschen, genauer gesagt, zu einem anderen Mann. Weil es ein Schlager ist, handelt man sich eine Portion Herzschmerz ein, wenn man sich auf die Liebe einlässt, die dort besungen wird. Es geht in diesem Lied um enttäuschte Liebe, um nicht verwirklichte Heiratspläne und um Einsamkeit. Wenn aber von einer Kirchenkanzel von der Liebe gesprochen wird, dann wird das Wort Liebe meistens „entschärft“, seiner Leiblichkeit beraubt. Dann wird dann wohl eher von der Gesinnung, der Treue und der Barmherzigkeit, von der Nächstenliebe, von Verzeihen und Vergeben gesprochen, kurz: von Nächstenliebe. Das ist jugendfrei und nicht so heikel. Die körperbezogene Dimension wird unterschlagen, das Herz, das Verlangen, das Begehren. Gehört das nicht zur Liebe? Oder ist das die verbotene Seite der Liebe, die schmutzige, über die man nicht spricht und bei der man das Licht ausknipst? Die Liebe ist aber nicht nur ein seltsames, sondern auch ein äußerst kompliziertes und vielseitiges Spiel. Die Worte aus dem 1. Johannesbrief regen uns an, über diese Bewegung, diese Kraft nachzudenken, über dieses seltsame Spiel, das wir Liebe nennen.

Die Bibel sagt, dass Gottes Liebe Fleisch geworden ist, Hand und Fuß, Kopf und Herz bekommen hat und einen Namen trägt, Jesus Christus. Der aber war und ist nicht nur wahrhaftiger Gott, vom Vater geboren in Ewigkeit, wie es im Kleinen Katechismus heißt, sondern auch wahrhaftiger Mensch, von der Jungfrau Maria geboren. Also ein Mensch wie wir, dem nichts fremd war, was zum Menschsein dazugehört. Gott „hat seinen eingeborenen Sohn gesandt … in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen…“ schreibt Johannes seiner Gemeinde. Es ist ein Leben in der Liebe, zu der wir ermutigt werden. Und wenn ich dabei auf Jesus schaue, bedeutet ein Leben in der Liebe stets, ein Leben in der Zuwendung, in der liebevollen Hinwendung zum anderen, zum Nächsten, mit dem ich lebe, besonders aber auch zum Partner, der Tisch und Bett mit mir teilt. Ich lerne heute, dass die Liebe zum Leben helfen soll, dass sie aufbauen und nicht zerstören, dass sie zum Glück führen und nicht ins Unglück stürzen soll.

Die Liebe gehört zum Menschensein. Ein Mensch ohne Liebe ist ein bedauernswerter Mensch. Wir leben von der Zuwendung, wir leben davon, dass einer zu uns sagt: „Ich liebe dich!“ und es ernst meint. Wir leben vor allen von der Zuwendung des Gottessohnes, von seiner hinschauenden, einfühlenden Liebe. Seine Art zu lieben soll der Maßstab sein für die Art, wie wir miteinander umgehen, wie wir einander lieben. Es soll eine Liebe sein, die nach dem anderen fragt, die sich um ihn sorgt. Die Evangelien zeigen einen liebevollen Jesus, durch den Gott sich den Menschen zuwendet und durch den Gott dem Menschen alles schenken will, seine Liebe und sein Leben. Deshalb teilt der Gottessohn seine Liebe mit den Menschen, er reicht ihnen das Brot, er hilft zum Leben, er heilt und tröstet und nimmt das Kreuz auf sich, und alles, was das Kreuz schwer macht: die Angst, die Schuld, das Versagen der Menschen und schließlich sogar ihren Tod. So liebt der Herr die Menschen. „Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsere Sünden.“ Zu den Sünden gehört unser Scheitern an der Liebe, gehören die Entgleisungen der Liebe. Ja, es gibt Fälschungen, Verhaltensweisen, wo Liebe drauf steht, aber nicht drin ist. Mit anderen Worten, es gibt auch Produktpiraterie in Sachen Liebe. Das ist dann der Fall, wenn die Liebe zur Sache wird, wenn Herzen gebrochen und Seelen verletzt werden, wenn der Körper missbraucht statt geliebt wird, wenn man Triebe mit Liebe verwechselt.

Die Liebe, von der Johannes spricht und zu der wir ermutigt werden, ist vielleicht ein seltsames, aber auch ein heilsames Spiel. Es ist eine Bewegung, die von Gott kommt und uns am Ende zu Gott führen will. Die Liebe ist das Element, das uns über Raum und Zeit verbindet, miteinander und mit Gott. Bei Gott, der die Liebe ist, wird unsere unvollkommene und bruchstückhafte Liebe vollkommen, findet sie ihre Vollendung. Unsere Liebe lebt von der Zuwendung, die wir einander schenken. Vor allem aber lebt unsere Liebe von der Zuwendung Gottes. In der Taufe hat sich Gott uns zugewandt, hat uns auf den Kopf zugesprochen, dass er uns liebt und uns auf den Weg gebracht. Im Glauben leben, dem Weg Jesu folgen, bedeutet, der Spur seiner Liebe zu folgen, ihr zu vertrauen und in ihr zu leben. Sie führt uns an ein gutes Ziel, sie führt uns hinein in die vollkommene Liebe, die wir am Ende bei Gott finden. Vielleicht werden wir dann merken, dass unsere Liebe, wenn sie ernst und ehrlich war, ein Mosaikstein der Liebe war, aus der Gott sein Reich baut. Vielleicht werden wir dann wieder lächeln – allerdings ohne Wehmut. Amen

Eine heilsame Zeit

Mariä Himmelfahrt. Warum ich diesen Feiertag mag, obwohl ich evangelisch bin, kann ich nicht wirklich erklären. Nein – ein heimlicher Marienverehrer bin ich nicht. Zwar glaube ich, was ich in jedem Gottesdienst bekenne: an Jesus Christus, geboren von der Jungfrau Maria. Darin aber erschöpft sich auch schon meine „Marienverehrung“. Maria ist etwas Besonderes, weil sie die Mutter des Herrn ist. Ich bewundere ihren Glauben, ihr Vertrauen zu ihrem Sohn. „Was er euch sagt, das tut!“ flüstert sie den Dienern auf der Hochzeitsfeier zu Kana zu, bei der ihr Sohn Wasser in Wein verwandelt hat. „Was er euch sagt, das tut!“ Wenn wir uns doch diesen Rat mehr zu Herzen nehmen würden! Ich bewundere ihre liebevolle Geduld. Als sie bei einer Pilgerreise den zwölfjährigen Jesus unterwegs „verloren“ und mit wachsender Panik drei Tage lang wie eine Nadel im Heuhafen Jerusalems gesucht und endlich gefunden hatte, hören wir aus ihrem Mund nur einen sehr moderaten Vorwurf: „Mein Sohn, warum hast du uns das angetan. Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht!“ Schließlich bewundere ich Maria um ihre Glaubensstärke. Sie hat ausgehalten, unter dem Kreuz, sie hat sich den Anblick nicht erspart, vor dem die Jünger geflohen sind, sie hat am Ende ihren toten Sohn auf den Schoß genommen und beweint. Pieta nennt man diese Darstellungen in der Kunst. Wie nah ist sie da den vielen Müttern, die um ihre Kinder trauern! Aber das ist immer noch keine Antwort darauf, warum ich diesen Feiertag mitten im August so mag. Eine theologische Erklärung habe ich nicht dafür. Vielleicht, liegt es daran, dass er mitten in einer Jahreszeit liegt, dich ich so liebe. Dieser Feiertag riecht nach Kräuterbuschen und Sommerblumen, nach Leben in Fülle. Der August entfaltet in den Mittagsstunden noch einmal seine hochsommerliche Kraft, aber die Schatten werden abends länger und der Wind bläst die Hitze weg. Dann bin ich dankbar für die Strickjacke. Die brauche ich, weil ich im Garten sitzen möchte, um die Sternschnuppen zu zählen. Perseiden sagen die Wissenschaftler dazu, Laurentiustränen nennt sie der Volksmund in Erinnerung an den Heiligen, der die Armen als Schatz der Kirche bezeichnet hat. Die Spinnen weben jetzt fleißig ihre Netze, werfen sie über Gartenhecken und Mauervorsprünge, hauchdünn sind sie und doch stark genug, um sie aufzufangen, diese Himmelstränen, damit sie einen Platz haben, wo sie funkeln und glitzern können, wie frische Tautropfen in der Morgensonne. Was für eine schöner Tag. Was für eine schöne Zeit.
blog.stefankoettig.de

Predigt über Apostelgeschichte 9,1 – 20 am 12. Sonntag nach Trinitatis in Altenstein und Hafen-preppach (14.8.2016)

Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit er Anhänger des neuen Weges, Männer und Frauen, wenn er sie dort fände, gefesselt nach Jerusalem führe. Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich? Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst. Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da; denn sie hörten zwar die Stimme, aber sahen niemanden. Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der Hand und führten ihn nach Damaskus; und er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht. Es war aber ein Jünger in Damaskus mit Namen Hananias; dem erschien der Herr und sprach: Hananias! Und er sprach: Hier bin ich, Herr. Der Herr sprach zu ihm: Steh auf und geh in die Straße, die die Gerade heißt, und frage in dem Haus des Judas nach einem Mann mit Namen Saulus von Tarsus. Denn siehe, er betet und hat in einer Erscheinung einen Mann gesehen mit Namen Hananias, der zu ihm hereinkam und die Hand auf ihn legte, damit er wieder sehend werde. Hananias aber antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört über diesen Mann, wie viel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat; und hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, alle gefangen zu nehmen, die deinen Namen anrufen. Doch der Herr sprach zu ihm: Geh nur hin; denn dieser ist mein auserwähltes Werkzeug, dass er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel. Ich will ihm zeigen, wie viel er leiden muss um meines Namens willen. Und Hananias ging hin und kam in das Haus und legte die Hände auf ihn und sprach: Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Wege hierher erschienen ist, dass du wieder sehend und mit dem Heiligen Geist erfüllt werdest. Und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen und er wurde wieder sehend; und er stand auf, ließ sich taufen und nahm Speise zu sich und stärkte sich. Saulus blieb aber einige Tage bei den Jüngern in Damaskus. Und alsbald predigte er in den Synagogen von Jesus, dass dieser Gottes Sohn sei.

„Familienvater läuft Amok!“ „Eine Stadt in Angst und Schrecken!“ „Axtmörder im Zug!“ Das sind Schlagzeilen, die sich verkaufen. Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten, lautet angeblich die Regel im Geschäft der Massenmedien. Sie steigern die Auflage und wecken das Interesse der Leser. In den letzten Tagen haben wir eine Menge schlechter Nachrichten aus unserem Land gehört, von Amokläufern und von Selbstmordattentätern in nächster Nähe. Eine Menge Analysen haben wir gehört und gelesen, hilflose Versuche, eine Antwort zu finden auf die Frage danach, wie Menschen fähig sind, so etwas zu tun. Nein, schlechte Nachrichten sind keine guten Nachrichten.

Heute hören wir eine Gute Nachricht. Evangelium heißt auf deutsch Gute Nachricht. Sie lautet: es gibt Hoffnung. Es gibt Rettung. Es gibt Heilung. Das Evangelium für diesen Sonntag handelt von einer Heilung. Und die Epistel erzählt von einer heilvollen Wandlung. Wir erfahren, dass Menschen sich ändern – und zwar zum Guten hin. Wir hören, dass Gott diese Wandlung herbeiführt. Sie geschieht manchmal ebenso unerwartet, wie ein Amoklauf. Sie trifft Menschen nicht selten ebenso unvorbereitet. Heute erfahren wir, dass kein Mensch so verbohrt, so verblendet, so unverbesserlich fanatisiert sein kann, dass er sich nicht von Grund auf ändern könnte. Was die einen jetzt den Kopf schütteln, die andern spöttisch lächeln lässt und mich in ihren Augen zum weltfremden Gutmenschen macht, ist die Gute Nachricht, dass Gott die Menschen nicht aufgibt.

Wir sehen es an der Bekehrung des Paulus. Von der haben wir schon öfters gehört und gelesen. Ein alter Hut ist sie deshalb noch lange nicht. Wir hören sie heute als Hoffnungsgeschichte. „Sturheit schütz vor Gnade nicht“ – vielleicht wäre das eine Schlagzeile, wenn die Presse heute davon berichten würde. Es ist die Geschichte einer Heilung und einer Verwandlung. Es geht um Paulus. Wir erfahren heute, wie er von der Krankheit seiner Jugend geheilt wurde. Die Symptome werden gleich zu Beginn unseres Abschnitts aus der Apostelgeschichte beschreiben: „Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn.“ Was für ein Bild! Ein Pferd schnaubt und scharrt mit den Hufen. Ein Stier schnaubt und senkt vor dem Angriff das Haupt. Wer mit Drohen und Morden schnaubt, dem kommt abhanden, was den Menschen menschlich macht.

Wie jede Krankheit hat auch diese ein Frühstadium. Auch davon erzählt die Apostelgeschichte. Wir hören von Stephanus, dem Diakon der Jerusalemer Urgemeinde. Als er gesteinigt wurde, „hatte Saulus Gefallen an seinem Tode.“ Wir wissen inzwischen, dass sich hinter diesem Namen der junge Paulus verbirgt. Er hat sich hinter die Mörder gestellt, hat ihr Tun bejaht, indem er ihre Kleider bewachte. Steinigungen waren und sind eine blutige Angelegenheit. Da will man sich den edlen Zwirn nicht ruinieren. Wie gut, dass es Handlanger gibt. Menschen wie der eifernde Saulus. Menschen, die den Fanatikern Beifall spenden, die sie bewundern und manchmal auch vergöttern. Bis heute gibt es diese Menschen.

 

 

Schauen wir nun, wie der Prozess vor sich geht, der aus einem Verfolger einen Bekenner macht. Er geschieht, indem Jesus direkt eingreift. Es ist sein Wort und seine Anrede, die den Wandel und die Heilung auslöst. „Saulus, warum verfolgst du mich?“ Es ist der Herr, der sich direkt an den Menschen wendet und es ist der Mensch, der sich angesprochen fühlt, der von dem Wort Gottes getroffen wird. In wie vielen Biografien ist das nicht ebenso – wenn auch vielleicht weniger spektakulär? Menschen kommen durch ein Wort ins Nachdenken. Ein Wort, das sie ins Mark trifft und ihr Tun und Denken in Frage stellt.

Vom heiligen Augustinus wird das auch erzählt. Nein, der war kein Christenverfolger. Hochgebildet war er, wie Paulus. Ein Intellektueller. Zugleich ein Schwerenöter, ein Frauenheld. Ein Heide der Oberklasse. Der hört im Garten auf einmal eine Kinderstimme. Er hat keine Ahnung, woher sie kommt. Aber er fühlt sich angesprochen. „Nimm und lies!“ sagt die Stimme. Und Augustin liest. Er nimmt das nächstbeste Buch, das ihm zur Verfügung steht, er greift zur Bibel, schlägt einen Brief des Apostels Paulus an die Römer auf und liest die folgenden Worte: „Lasst uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht; sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt für den Leib nicht so, dass ihr den Begierden verfallt.“(Römer 13,13f) Da ist es, als ob er vom Blitz getroffen wird. Dieses Wort ist der Auslöser für die Kehrtwende im Leben. Er lässt sich taufen, bekehrt sich, aus dem Spötter und Verächter wird einer der größten Denker der Christenheit, ein Bischof und Lehrer der Kirche.

Christus selbst greift ein. Er führt die Wende im Leben des Pharisäers Saulus durch eine Frage herbei. „Saulus, warum verfolgst du mich?“ Das Pferd, auf dem er sitzt, scheut. Paulus fällt zu Boden. Er steht auf, klopft sich den Staub aus den Kleidern und erschrickt. Er kann nichts mehr sehen, er ist blind. Es ist als ob das Innere nach außen gekehrt wird, die Verblendung des Herzens führt zum Verlust des Augenlichts. So wird ihm der Zustand offenbart, in dem er bis dahin gelebt hat, ohne es zu wissen: in der Dunkelheit. Drei Tage muss er darin ausharren, drei Tage, bis er zum neuen Leben findet, für das Gott ihn bestimmt hat. Drei Tage, in denen er nichts essen und trinken kann, in denen er wie tot war. Die große Verwandlung und Heilung braucht Zeit. Vielleicht denken wir jetzt bei diesen drei Tagen auch an den Zeitraum von Tod und Auferstehung Jesu. Paulus soll ebenfalls in ein neues Leben hinein auferstehen. Er braucht Zeit, um zu erkennen, dass er tot war und doch leben solle.

 

Die Geschichte handelt aber nicht nur von der Bekehrung des Paulus. Sie erzählt auch von der Selbstüberwindung des Christen Hananias. Die große Verwandlung des Saulus stellt die kleinere des Hananias in den Schatten. Dabei ist sie nicht weniger bedeutsam. Hananias gehörte zu den potentiellen Opfern des Saulus. Wegen Menschen wie ihm war der Pharisäer unterwegs, mit Schnauben und Morden. Hannanias wird ebenfalls vom Herrn angesprochen: „Steh auf und geh in die Straße, die die Gerade heißt, und frage in dem Haus des Judas nach einem Mann mit Namen Saulus von Tarsus.“ Was für ein Opfer verlangt Jesus da von Hananias. Er muss den Schritt wagen über die Grenze von Angst und Misstrauen. „Ist das wirklich deine Absicht, Herr? Soll ich zu dem hingehen, der unseren Brüdern und Schwestern so viel Böses angetan hat? Ich kann die Einwände und Vorbehalte gut verstehen. Es ist die berechtigte Furcht und das mangelnde Gottvertrauen, die Hananias zögern lassen. Auch der Verfolger ist und bleibt Gottes Geschöpf. Was für eine Herausforderung für Menschen wie Hananias, für Menschen, die sich um ihres Glaubens willen verstecken müssen. Hananias hat berechtigte Einwände und Gründe genug, um Saulus zu meiden wie die Pest. Aber der Herr hat mit Saulus etwas vor. Er will ihn zum Werkzeug seiner Gnade machen, er soll seinen Namen bezeugen vor den Heiden, vor Königen und vor Israel. Da macht sich Hananias auf den Weg. Er überwindet die Grenze, die Hürde von Angst und Furcht und macht eine bahnbrechende Entdeckung. Er sucht den Christenverfolger Saulus und findet einen Bruder. „Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus … dass du wieder sehend und mit dem heiligen Geist erfüllt werdest…“ sagt er und wird Zeuge der großen Verwandlung oder Heilung.

Mit der Wandlung des Saulus geht auch die des Hananias einheir, über die eigentlich nie gepredigt wird. Auch die „Guten“, die „Anständigen“, die „Rechtgläubigen“ sind doch stets in der Gefahr dass ihr Zorn, ihre Verletzung, ihre Wut sich auf die Seele legen wie ein Panzer, der das Herz hart werden lässt. Wenn sich Hannanias verweigert hätte, was wäre geschehen? Vorbehalte und Vorwürfe hätten ihn begleitet, hätten ihn bitter und misstrauisch werden lassen bis zu seinem Tod. Aber Hananias hat sich ansprechen lassen, er hat es gewagt, sich auf Gottes Liebe einzulassen – und dem Feind mit Liebe zu begegnen. Deshalb konnte das Wunder der Verwandlung an beiden geschehen – an Paulus und an Hananias. Paulus lässt sich taufen. Er wird aufgenommen in die Gemeinschaft der Heiligen. Und Hananias erkennt in ihm den Bruder. Auch ihm erschließt sich ein Weg, ein Ausweg aus Angst und Vorbehalten. Hineingetragen in dieses neue Leben werden beide durch die Liebe, das einzig wirksame Gegenmittel gegen den Hass und die Verblendung, Liebe und Vertrauen zu Gott, der niemanden aufgibt.

Von der großen Heilung oder Verwandlung erzählt uns dieser Sonntag. Wir erfahren, wie Menschen heil werden – indem sie sich wandeln lassen von Gott, indem sie sich berühren lassen von seinem Wort. Die Geschichte von Saulus, der zum Paulus wurde und von Hananias, der sich auf den Weg gemacht hat und Angst und Einwände hinter sich lässt, sind Beispiele dafür, wie Gott die große Verwandlung, die Heilung zustande bringt. Es gibt also ein wirksames Mittel gegen Fanatismus und Angst. Das ist die gute Nachricht. Das Gegenmittel heißt Liebe. Sie will wirksam werden in dieser Welt. Sie braucht Hoffnungsträger. Wir sollen Hoffnungsträger sein und Zeugen dieser Liebe. Gerade in dieser Zeit, die dieses Mittel so dringend nötig hat.Amen.

Was man liebt, wirft man nicht weg

„Das geknickte Rohr wird er nicht  zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen“. (Jesaja 42,3) Gedanken zum 12. Sonntag nach Trinitatis

Manchmal muss ich an Franz denken. Es gibt Menschen, die rümpfen die Nase, wenn sie ihn sehen, nennen ihn einen Penner oder Tunichtgut. Franz trägt Kleidung aus der städtischen Kleiderkammer, er ist unrasiert und riecht nicht besonders gut. Im Sommer schläft er im Freien, unter Brücken oder auf Parkbänken. Nur wenn es kalt wird, verbringt Franz die Nacht lieber im Obdachlosenheim. „Man wird halt älter“, sagt er dann und es klingt wie eine Entschuldigung. Manchmal kann man auch sehen, wie er einen Einkaufswagen, den er sich vom nahen Supermarkt „geliehen“ hatte, vor sich her schiebt. An den öffentlichen Abfallkübeln bleibt er stehen. Er mustert sie mit prüfendem Blick, wie man das von einem Arzt kennt, der seinen Patienten untersucht. Nichts entgeht seinem geschulten Auge. „Es ist kaum zu glauben, was die Leute alles wegwerfen“ murmelt er, während er mit sicherem Griff in die Tonne langt, um seine Schätze zu heben und in den Einkaufswagen zu befördern: zum Beispiel eine Tüte Chips mit abgelaufenem Verfalldatum oder eine aufgerissene Tafel Schokolade, der nur ein paar Rippen fehlen. Wahrscheinlich hat sie nicht geschmeckt. Von den Pfandflaschen, die er tagsüber einsammelt, kann er sich hin und wieder eine warme Mahlzeit leisten oder seinen Schlummertrunk für die Nacht. Franz lässt nichts verkommen. Die Not hat Franz gelehrt, Dinge wert zu schätzen, die andere wegwerfen. Warum ich von Franz erzähle? Das hat mit einer Schülerin zu tun. Wie ich mir Gott vorstelle, wollte sie im Religionsunterricht von mir wissen. Da habe ich ihr von Franz erzählt. Gott ist wie einer, der nichts verkommen lässt, habe ich ihr gesagt. Gott ist wie einer, der aufhebt, was andere wegwerfen, einer, der noch lieben kann, was in den Augen der anderen Müll ist. Besonders liebt Gott die Menschen, die angeblich nichts taugen, Menschen, wie Franz. Nicht die Not hat seinen Blick geschärft, wie bei Franz, sondern die Liebe. Woran das Herz hängt, das wirft man nicht weg, oder? Ob sich der Prophet Jesaja Gott auch so vorgesellt hat? „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen“ hat er einmal über Gott geschrieben. Gott hat nicht vergessen, wie das Rohr war, bevor es geknickt wurde und welch helles Feuer der Docht einmal hervorgebracht hat. Wenn Gott auf Menschen wie Franz schaut, kann er sie nur lieben. Denn Gott hat die Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen. Auch Menschen wir Franz. Er liebt sie. Und was man liebt, wirft man nicht weg.

Himmelwärts leben

Predigt über Epheser 2,4 – 10 am 11. Sonntag nach Trinitatis in Altenstein und Hafenpreppach

Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr selig geworden –; und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus, damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus. Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme. Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.

 Wie sieht es im siebten Himmel aus? Eigentlich müssten Sie alle das wissen. Ich denke jeder von uns war schon einmal an diesem Ort, oder? Wenn einer sagt: ich fühl mich wie im siebten Himmel, weiß jeder was gemeint ist. Ich fühl mich wunderbar. Ich könnte Bäume ausreißen und die Welt umarmen. Es geht mir gut. Ich bin glücklich. Der siebte Himmel sieht bei jedem von uns etwas anders aus. Verliebte kommen meist gemeinsam in den siebten Himmel der Zweisamkeit. Dann sitzen sie verträumt auf einer Parkbank und es genügt ihnen, sich einfach nur anzuschauen, Händchen zu halten. Alles andere um sie herum tritt zurück. Zeit spielt keine Rolle mehr, nur die Liebe ist wichtig und der Partner, dem ich sie schenken möchte.

In den siebten Himmel wird man gehoben. Dort kommt man nicht aus eigener Kraft hin. Der siebte Himmel ist ein Geschenk. Der Kummer, der das Herz bedrückt, löst sich auf wie Nebel in der Morgensonne, wenn ich im siebten Himmel bin. Dankbarkeit breitet sich aus. O wenn man nur für immer in diesem Zustand verweilen könnte. Leider ist der Aufenthalt im siebten Himmel meist nur von kurzer Dauer. Dem Höhenflug folgt meist ein harter Aufprall auf dem Boden der Tatsachen. Trotzdem: es bleibt die Sehnsucht nach diesem Ort. Wer schon einmal im siebten Himmel war, lebt vielleicht anders. Er weiß ja, das Leben kann auch anders aussehen. Ein Funke Hoffnung bewahrt man sich im Herzen, als Mitbringsel vielleicht aus diesem himmlischen Ort. Ein Funke Hoffnung, dass der Himmel vielleicht auf die Erde kommt.

An diese oder ähnliche Aufenthalte im siebten Himmel musste ich denken, als ich die Worte des Apostels aus dem Epheserbrief gelesen habe. Sie beschreiben das Leben der Christen. Wir waren tot, so heißt es. Aber Gott hat uns lebendig gemacht. Er hat uns in ein neues Leben hinein auferweckt. Er hat uns in den Himmel versetzt. Wenn man diese Worte liest, möchte man sich die Augen reiben. Es ist ja kaum zu glauben, was da steht. Leben die Christen etwa in diesem siebten Himmel?

Auch wenn die Antwort schwer fällt, sie lautet: nein. Die Christen leben auf der Erde, so wie die anderen Menschen auch. Manchmal leiden sie, sie wie die anderen Menschen auch. Dann fällt ihnen das Leben schwer. Und manchmal sorgen sie auch dafür, dass anderen das Leben schwer fällt. Christen streiten sich oft ebenso heftig wie Nichtchristen. Manchmal schauen sie argwöhnisch auf das, was die anderen haben. Sie beneiden die anderen darum. Hin und wieder greifen sie zu unsauberen Mitteln, um ihre Ziele zu erreichen. Sie reden hinter dem Rücken von anderen, spinnen Intrigen, booten Konkurrenten aus, setzen die Ellenbogen ein, um vorwärts zu kommen, im buchstäblichen und häufiger noch im übertragenen Sinn. Sie stehen mit beiden Beinen auf dem harten Boden der Realität, sagen sie. Mir wird nichts geschenkt, sagen sie. Ich muss selbst schauen, wie ich voran komme, sagen sie. Dabei vergessen sie, dass ihnen das Leben doch geschenkt worden ist. Sie vergessen, dass es in diesem Leben immer wieder die Ausflüge in den siebten Himmel der Liebe, der Freude, der Dankbarkeit gibt. Wir sind Realisten, antworten sie vielleicht auf diesen Hinweis. Sie sind tot, sagt die Bibel über diese Menschen, ob sie nun Christen sind oder nicht. Sie sind tot, weil sie sich den Gesetzmäßigkeiten dieser Welt verschrieben haben, in der sich der Stärkere gegen den Schwächeren durchsetzt, in der man mit Liebe und Verständnis nicht viel weiter kommt. Da hilft ihnen der Besitz eines Taufscheins auch nicht weiter.

Der Apostel schreibt: wir waren tot in unseren Sünden. Aber Gott hat uns wieder lebendig gemacht. Er hat uns auferweckt. Er hat uns eingesetzt in den Himmel. Es geht um die Standortbestimmung des Lebens. Wir erfahren, dass Christen einen anderen Standort haben sollen: nicht der Kampf um Ansehen, Macht und Stärke bestimmen das Leben. Christen stehen mit den Füßen auf der Erde, aber mit dem Herzen sind sie bereits im Himmel. Jetzt meine ich nicht den siebten Himmel der Verliebten. Der Himmel ist ein anderes Wort für die Lebensgemeinschaft mit Gott. Wo Menschen ihr Herz an Gott binden, haben sie bereits den Fuß in den Himmel gesetzt. Aber irgendwie ist das trotzdem so wie die kurzen Besuche im siebten Himmel der Verliebten. Ich bin noch nicht dauerhaft im Himmel. Diesen Ort kann ich nicht aus eigener Kraft erreichen. Das Leben im Himmel, kann uns nur geschenkt werden.

Paulus spricht vom Himmel der göttlichen Liebe. Sie klopft im Herzen der Menschen an. Sie flüstert ihm ins Ohr: ich hab Sehnsucht nach dir. Ich will mit dir zusammen sein. Das sagt Gott zu den Menschen. Gott hat Sehnsucht nach den Menschen. Er will mit ihnen zusammen leben. Er will ihnen schenken, was sie zum Leben wirklich brauchen. Das ist nicht Ruhm und Anerkennung, nicht Macht und nicht Geld, was sie bekommen sollen. Was die Menschen zum Leben brauchen, ist die Freundschaft mit Gott. Die bietet Gott ihnen an. Wer sie annimmt, findet zum Leben. Wer sie annimmt, steht mit einem Bein im Himmel.

Es ist die Menschlenliebe. Sie bringt Gott dazu, dem Menschen die Freundschaft anzubieten. Wenn Menschen sich ansprechen lassen von diesem Angebot der Freundschaft, wenn sie das Klopfen Gottes hören und ihr Herz öffnen, öffnet sich die Himmelspforte. Paulus nennt diesen Vorgang Gnade, weil das ein Geschenk ist. Wer sich von Gott beschenken lässt, wird in den Himmel gehoben. Das geschieht durch die Liebe, die in seinem Leben Gestalt annimmt. Jetzt übernimmt nämlich Gott das Ruder meines Lebens. Er öffnet mir die Augen. Ich erkenne, was ich wirklich zum Leben brauche. Das macht den von Gottes Liebe beschenkten Menschen gelassen.

Christen müssen zwar nach wie vor arbeiten, sich weiter um ihren Lebensunterhalt abmühen. Christen haben nach wie vor Freude am Leben in dieser Welt. Und manchmal leiden sie an dieser Welt. Aber sie müssen sich an den Gütern dieser Welt nicht mehr festklammern. Weil ihre Glückseligkeit nicht davon abhängt. Das Gütesiegel ihres Lebens richtet sich nicht mehr nach materiellem Besitz, nach Erfolg und Leistung. Das Gütesiegel ihres Lebens wird ihnen in der Taufe aufgedrückt. Es ist die Liebe Gottes, von der wir leben und die wir weitergeben sollen. Das ist unsere Bestimmung. Gott hat uns dazu geschaffen, dass wir Gutes tun sollen, nicht damit wir in den Himmel kommen, sondern damit der Himmel zu den Menschen kommt.

Vom siebten Himmel hab ich eingangs gesprochen. Nicht, weil das der Himmel ist, von dem Paulus spricht. Sondern weil wir mit diesem Wort eine Erfahrung beschreiben, die wir in diesem Leben machen, ob wir nun Christen sind oder nicht. Es ist die Erfahrung von etwas unbeschreiblich schönem, das uns geschenkt wird. Die Freundschaft mit Gott überbietet den siebten Himmel. Der Brief an die Epheser will uns heute zum nachdenken anregen. Wir sollen über unser Leben nachdenken, über den Standort, den wir im Leben einnehmen. Leben wir als Freunde Gottes? Schöpfen wir unsere Kraft aus der Liebe, die Gott uns schenkt? Aus seiner Freundschaft? Schauen wir auf Jesus. Er hat aus der Freundschaft mit Gott gelebt. Und er hat uns aufgerufen, ihm nachzufolgen, also: Gottes Freunde zu werden. Er konnte zum Leben in dieser Welt Ja sagen. Er hat gelebt, gelacht, gelitten, wie Menschen leben, lachen und leiden. Er hat aus der Freundschaft mit Gott gelebt, aus der ihm die Kraft zuströmte, um seinen Weg in dieser Welt zu gehen. Er hat uns eingeladen, seinem Weg zu folgen. Wer in der Freundschaft mit Gott lebt, lebt nicht weltfremd, aber himmelwärts. Amen.

Pharisäer mit Schlagsahne

oder: Wenn aus der Kirchenbank ein Armesünderbänkchen wird. Zum 11. Sonntag nach Trinitatis

Wer im Kaffeehaus einen Pharisäer bestellt, erwartet nicht einen sittenstrengen Theologen, sondern ein hochprozentiges Heißgetränk: einen Kaffee mit Rum und einer dicken Sahnehaube. Dem empörten Ausruf eines frommen geistlichen Herrn verdankt diese Spezialität ihren Namen. „Oh, ihr Pharisäer!“ soll ein Pastor aus dem Hohen Norden seine trinkfreudigen Schäfchen auf dem flachen Land gescholten haben. Die Bauern wagten es nicht, vor den Augen ihres strengen Pfarrherrn auf die Geburt ihrer Kinder mit Hochprozentigem anzustoßen. Sie kippten den Rum einfach in ihren Kaffee und setzten eine Sahnehaube darauf, damit auch die fromme Nase nichts alkoholisches schnuppern konnte. Dem Herrn Pastor setzte man gewöhnlichen Kaffee vor. Er sollte nichts bemerken. Irgendwann aber ist der Schwindel aufgeflogen und schon hatte das Getränk seinen Namen. So überliefert es uns das allwissende Nachschlagewerk Wikipedia im Internet. Die Geschichte lässt ahnen, warum man an den „wirklichen“ Pharisäern kein gutes Haar lässt. Sie werden in einen Topf geworfen mit Heuchlern und Besserwissern. Dabei waren die Pharisäer der Bibel im Grunde gottesfürchtige Menschen. Gottes Gebot lag ihnen am Herzen. Wehe aber, wenn man dagegen verstoßen hat. Da haben sie keinen Spaß verstanden. Allerdings haben sie sich selbst oft nicht an das gehalten, was sie gepredigt haben. Das hat wohl zu ihrem schlechten Ruf beigetragen. Oft genug hat sich Jesus deshalb mit den Pharisäern angelegt. Als „getünchte Gräber“ hat er sie bezeichnet, außen schön gepflegt und inwendig voll Unrat. (Matthäus 23,27) Auch im Evangelium für diesen Sonntag (Lukas 18,9-14 )wird kein gutes Haar an den Pharisäern gelassen. Jesus schildert ihren Hochmut in folgender Geschichte: Ein Pharisäer und ein Zöllner, also ein offenkundiger Sünder, machen sich auf den Weg in den Tempel, um dort zu beten. Der Zöllner drückt sich verschämt in den hintersten Winkel. „Gott sei mir Sünder gnädig“ Mehr kann er nicht sagen. Er weiß ja selbst, was er alles auf dem Kerbholz hat. Der Pharisäer hingegen zelebriert seinen frommen Auftritt. Er schaut erst voll Verachtung auf den seufzenden Sünder herab und dann erwartungsvoll-fordernd zum Himmel. „Herr, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die anderen Leute und besonders nicht wie der da…“ Dann listet er seine Wohltaten auf: „ich faste zweimal die Woche, ich gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.“ Na, wenn das keine himmlischen Boni einbringt! Natürlich ahnen wir schon, an welchen der beiden Beter Gott die größere Freude hat. „Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“ Mit dieser Mahnung schickt uns Jesus in unseren Alltag. Wenn ich sie höre, wird mir unwohl in meiner Haut und mein Sitzplatz in der Kirche verwandelt sich zum Armesünderbänkchen, auf dem ich unruhig hin und her rutsche. Mir wird klar, wie oft ich mich schon in einen Pharisäer verwandelt habe. Nicht nur, wenn mein Blick im Gottesdienst ungnädig zu den kichernden und tuschelnden Konfirmanden wandert, die sich wieder mal nicht benehmen können, oder zu den Nachzüglern, die immer ein wenig zu spät kommen, wenn bereits das erste Lied gesungen wird. Wissen die nicht, wann der Gottesdienst beginnt? Viel schlimmer sind die Urteile, die ich tagtäglich über andere spreche. Wer da nicht alles in Ungnade fällt, nur weil er anders denkt als ich, andere Prioritäten im Leben setzt, andere Vorstellungen davon hat, was wichtig ist und was nicht? Wenn ich die Geschichte vom Pharisäer und vom Zöllner auf mich anwende, dann habe ich schlechte Karten. Und nicht nur ich. Wahrscheinlich kommen wohl in jedem von uns die beiden zum Vorschein – der Pharisäer, der alles besser weiß und der arme Sünder, der beschämt den Blick senkt. Damit der Pharisäer in mir nicht die Oberhand gewinnt, braucht es Mut. Mut zur Demut. Keine leichte Aufgabe. Das schaffe ich alleine nicht. Dazu brauch ich wohl doch die Hilfe von oben. Und etwas kräftiges obendrein. Einen Mutmacher, der den Magen wärmt. Einen Pharisäer vielleicht, oder besser noch zwei? Jetzt meine ich natürlich den in der Tasse.

Ein Volk aus Tränen

Predigt zum 10.Sonntag nach Trinitatis in Altenstein und Hafenpreppach

Nein, seiner Tränen hat er sich nie geschämt. Wenn ihm danach war, hat er geweint. Ich spreche von Jesus. Immer wieder erzählt die Bibel von den Tränen Jesu. Tränen der Trauer weint Jesus um Lazaraus. Das war ein enger Freund. Jesus erfuhr von seiner tödlichen Krankheit, als er auf Reisen war. Als er ihn endlich besuchen kam, war es zu spät. Jedenfalls dem Anschein nach. Lazarus lag schon vier Tage in seinem Grab in der Felsenhöhle. Als Jesus vor dem Stein stand, gingen ihm die Augen über. Das bedeutet, dass sich die Augen mit Tränen füllten. So lesen wir es bei Johannes und wir hören, wie die Leute tuscheln. „Seht, wie er weint. Wie lieb muss er ihn gehabt haben. So vielen hat er helfen können, warum nicht ihm?“

Nein, seiner Tränen hat sich der Herr niemals geschämt. Schon gar nicht, wenn er Angst hatte. Auch davon erzählt uns die Schrift. Tränen der Todesangst weint Jesus im Garten Gethsemane, kurz vor seiner Verhaftung. Jesus war kein Held. Er wollte nicht sterben. Er hing am Leben. Jesus hat gerne gelebt. Er hat den Tod nicht gesucht. Auf Knien liegend fleht er Gott an: „Mein Vater, wenn es möglich ist, so lass diesen Kelch an mir vorüber gehen!“ Und vielleicht waren diese Tränen nötig, vielleicht war es nötig, sich die Angst aus der Seele zu weinen. Sie waren nötig, um den Mut für die folgenden Worte zu finden: „Nicht wie ich will, soll alles geschehen! Sondern wie du willst!“ So menschlich war der Herr, Deshalb dürfen wir auch weinen, wenn wir traurig sind, wenn wir Angst haben oder verzweifelt sind. Es gibt aber noch eine andere Geschichte. Sie spielt ebenfalls auf dem Ölberg vor den Toren Jerusalems. Ein weitere Tränengeschichte. In ihr weint Jesus um den Tempel.

Jesus verlässt die Stadt Jerusalem, um die Nacht auf dem Ölberg zu verbringen. Im Abendlicht schaut er auf Jerusalem, vor allem auf den Tempel. Sein Herz hängt an diesem Gebäude. Es ist das Haus seines Vaters. Wir alle kennen die Geschichte aus seiner Jugendzeit. Als er zwölf Jahre war und zum ersten Mal mit seinen Eltern bei einer Pilgerreise in die heilige Stadt kam, ist er dort allein zurück geblieben. Die Eltern haben sich auf den Heimweg gemacht, ohne zu wissen, dass sie Jesus „vergessen“ hatten. Als sie ihn nach drei Tagen verzweifelten Suchens endlich im Tempel finden, zuckt der Junge nur die Schultern? „Warum habt ihr mich gesucht?“ fragt er sie und ich höre dabei ein leises Staunen aus seiner Frage. „Wusstet ihr nicht, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?“ Dort hat er sich Gott nahe gefühlt. Am Tempel hing sein Herz. Vielleicht war es die Liebe zu diesem Haus, die ihn auch zornig machte. Und vielleicht sind ihm auch Tränen des Zorns in die Augen getreten, als er sich mit den Händlern und Geldwechslern angelegt hatte. „Das Haus meines Vaters soll ein Bethaus sein, ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht!“ rief er, als er ihre Tische mit dem Wechselgeld umgestoßen hat. Jetzt aber ist es ein anderer Grund, der ihn die Tränen in die Augen treibt. Vielleicht weht der Abendwind gerade die Stimmen der Menschen aus der Stadt an sein Ohr. Er hört, wie sie singen, schreien, lachen und lärmen. Da wird sein Herz schwer. Der Blick gleitet in eine ferne Zukunft. Und wieder scheint er Stimmen zu hören. Vor ihm entsteht eine unsichtbare Klagemaue, erbaut aus Wehklagen und Hilferufen, aus verzweifelten Weinen, kreischenden Frauen, jammernden Kindern und kalten Männerstimmen. Jesus sieht das Schicksal der heilige Stadt voraus. Da kommen ihm die Tränen. Er weint um Jerusalem. Er weint um den Tempel und um die Menschen, die diesen Tempel aufsuchen. Er sieht ihren Untergang.

Ob die Jünger mitgeweint haben? Was Jesus ihnen sagt, ist entsetzlich: die Stadt soll belagert und der Tempel zerstört werden. Kein Stein soll auf dem anderen bleiben. Die Menschen werden sterben. Unvorstellbar! Jahrzehnte später werden diese Worte bittere Wirklichkeit. Das wird dann im Jahr 70 unserer Zeitrechnung sein. Die Truppen des römischen Feldherrn Titus leisten im Auftrag des Kaisers ganze Arbeit. Wochenlang wird die Stadt wird belagert, ausgehungert. Aufständische haben sich in ihr verschanzt, dem römischen Kaiser Paroli geboten. Ihr Widerstand wird brutal gebrochen. Wer nicht rechtzeitig fliehen konnte, muss jetzt verhungert oder wird erschlagen. Rauchsäulen steigen auf. Der Tempel brennt. Es muss entsetzlich gewesen sein. Der Geschichtsschreiber Josephus berichtet, dass man in der belagerten Stadt begonnen hat, das Fleisch der Toten zu essen. Nach dem Fall der Stadt dringen in die Soldaten ein, mordend und plündernd, sie zerstören alles, tragen fort, was nicht niet und nagelfest ist, zurück bleibt verbrannte Erde und entsetzliches Leid.

Der 10.Sonntag nach Trinitatis erinnert an diese Tragödie, an die Zerstörung des Tempels und an die Tränen Jesu. Die Tränen Jesu am Ölberg sind also eine vorweggenommene Trauer. In diesem Zusammenhang denke ich an die Reportage, die ich vor wenigen Tagen über die syrische Stadt Aleppo gesehen habe. So ähnlich muss das in Jerusalem gewesen sein. Die Reportage zeigt Bilder von zerstörten Häusern, traumatisierten Kindern, verzweifelten Ärzten, die nicht mehr helfen können, weil selbst die Krankenhäuser bombardiert wurden, die Kameras fangen ausdruckslose Gesichter und tote Augen von Menschen ein, die nicht mehr ertragen können, was sie erlebt haben, deren Leben, vielleicht sogar deren Seele am Boden zerstört ist.
Heute hören wir von der Zerstörung des Tempels und von den Tränen Jesu. Ich denke dabei an die Menschen, die alles verloren haben, was ihnen lieb und wert und heilig ist. Nicht nur damals, sondern über die Jahrhunderte hinweg bis heute. Ich denke an die Menschen, die zusehen müssen, wie ihre Heiligtümer in Rauch aufgehen, ihre Tempel, Moscheen, Synagogen und Kirchen. Sie haben nichts mehr als die Tränen, die sie weinen. Wenn sie überhaupt noch in der Lage sind, zu weinen. Ich denke dabei an den Spruch für diese Woche aus dem Buch der Psalmen: „Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat.“ Ich frage mich, ob die Grenzen der Zugehörigkeit zu diesem Volk nicht durch das Tränenmeer aufgelöst werden.

Heute gelingt es mir jedenfalls nicht, die Trauer einzugrenzen. Das Leid überschreitet die Grenzen. Vielleicht hat Papst Franziskus ja recht. Er soll gesagt haben, dass wir uns in einem Weltkrieg in Abschnitten befinden. Es ist eine ganz neue, ganz andere Art der Kriegsführung. Das Leid wird nicht mehr von Armeen hineingetragen in die Welt. Der Terror, der Schrecken, ist das Werk fanatischer Einzelkämpfer. Er macht nicht Halt vor Grenzen, auch nicht vor Kirchenmauern. Er findet seinen Weg auf unseren Kontinent, er schlägt sich durch bis in unser Land, in die Fußgängerzonen, in Einkaufszentren, hin zu den Menschen, die längst vergessen haben, wie es ist, im Krieg zu sein. Er fährt in Regionalbahnen mit, mischt sich unter die Besucher von Konzerten und schlägt erbarmungslos zu, wo arglos gefeiert wird, er tötet, reißt in den Abgrund, verbreitet Angst und Schrecken.

Wie kann man angemessen seine Betroffenheit und Anteilnahme zeigen? Vielleicht ebenfalls durch Tränen? Vielleicht verbindet uns das gemeinsame Weinen, die gemeinsame Trauer mehr als Worte es jemals können. Ich denke an die Ereignisse der letzten Tage, die einem die Tränen in die Augen treiben. Ich denke an die Opfer von Terror und fanatischem Hass. Eine Mahnung des Apostels Paulus fällt mir in diesem Zusammenhang ein. „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1.Korinther 3,16) Ich denke, die Ermordung von Menschen ist eine Tempelschändung. Der Tempel ist ein Ort der Anbetung und der Begegnung mit Gott. Deshalb ist der Tempel ein heiliger Ort. Aber vielmehr als ein Haus aus Steinen ist der Mensch Gottes Heiligtum!

Der Mensch ist heilig. Im Mitmenschen will Gott mir begegnen. Deshalb sagt Jesus an einer anderen Stelle der Bibel: „Was ihr den geringsten Brüdern und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan!“ (Mt. 25,40) Wenn Menschen getötet werden, wird uns die Möglichkeit genommen, Christus in dieser Welt zu begegnen. Wenn Menschen getötet werden, werden die Tempel Gottes zerstört. Bis heute geschieht das – nicht nur in Jerusalem. Vielleicht hat Jesus auch deshalb geweint. Er weint, weil Gott sein Zuhause in dieser Welt verliert – mit jedem Menschen der getötet wird, manchmal auch in seinem Namen. In den Tränen Jesu ist die Trauer um alle Toten vorweggenommen, die dem Hass, auch dem religiös motivierten, zum Opfer fallen.

Aber Gott steht nicht auf der Seite der Zerstörer. Auch dann nicht, wenn sie seinen Namen im Mund führen und ein heiliges Buch in den Händen halten. Er ist bei denen, die alles verloren haben, deren Bücher verbrannt und deren Tempel geschändet sind. Denen will er sich schenken, ganz und gar. „Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist.“ Es ist das Volk der Tränen, das keine Grenzen mehr erkennen kann, weil im Meer der Tränen eben alles verschwimmt. „Alles hat seine Zeit“, sagt der Prediger Salomo. „Lachen hat seine Zeit, Weinen hat seine Zeit.“ (Prediger 3,4) Vielleicht ist jetzt die Zeit der Klage, Zeit, die Zerstörung der vielen Tempel aus Fleisch und Blut zu beklagen, die im Augenblick diese Welt erschüttert. Es soll aber nicht bei der Klage bleiben.

Ich bin Christ. Als Christ wird mir das Kreuz Jesu zum Zufluchtsort. Ich glaube, dass Jesus am Kreuz die Arme ausgebreitet hat, damit wir einen Ort haben, zu dem wir mit unseren Tränen kommen können, einen Ort, an dem wir den Gott wiederfinden, dessen heilige Wohnungen in dieser Welt durch sinnlose Gewalt zerstört werden. Das Kreuz war einst eine Stätte des Totes und ein Ort des Grauens. Für uns Christen hat das Kreuz eine andere Bedeutung, eine heilsame. Es wird zum Ort, an dem das Böse besiegt worden ist , es wird zum Ort, an dem wir zum Frieden finden. Das Kreuz ist für mich als Christ der Ort, an dem Gott sein Volk sammelt, um es zur Ruhe zu führen.

Im Alten Testament machen die Völker am Ende der Zeiten eine Wallfahrt zum Tempel. Sie schmieden Schwerter zu Pflugscharen um und machen sich auf den Weg zum Gott des Friedens, unter dessen Obhut keine Schwerter mehr gebraucht werden. Ich glaube, dass das Kreuz an diese Stelle getreten ist, der Ort, zu dem wir uns aufmachen, um den Frieden zu finden, den wir in der Welt verloren haben.

Der Angst etwas entgegensetzen

Die Koffer sind gepackt. Der Urlaub kann beginnen. Der nahe August ist für viele der schönste Monat des Jahres. August bedeutet Urlaubszeit und Reisezeit. Mir ist in diesen Tagen nicht ganz wohl bei dem Gedanken, in ein Flugzeug zu steigen. Ich denke an die Bilder von Terroranschlägen auf Flughäfen und an Urlaubsorten, die uns immer häufiger erschüttern. Sie verwandeln Orte der Erholung in Stätten des Grauens. Was sollen wir tun? Daheim bleiben? Die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes studieren und nur noch sichere Orte aufsuchen? Die Geschehnisse der letzten Tage in Nizza, München oder Ansbach zeigen uns, dass es die nicht gibt. Der Terror macht vor nichts halt, nicht einmal vor Kirchenmauern. Die Angst reist mit, sie begleitet uns beim Einchecken an den Flugschaltern, steht neben uns am Bahnsteig, wenn wir auf den Zug warten, mischt sich unter die Besucher von Open Air Festivals und sitzt hinter uns im Kirchweih – Festzelt. Manche möchten deshalb gar nicht mehr das Haus verlassen. Was kann ich tun, damit diese Angst nicht gänzlich von mir Besitz ergreift? Martin Luther gibt den Gläubigen folgenden Rat: „Des Morgens, wenn du aufstehst, kannst du dich segnen mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes und sagen: Das walte Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist.“ Das Wort „segnen“ leitet sich vom lateinischen Begriff für „signieren“ ab. Wer sich segnet oder segnen lässt, stellt sich unter das Zeichen des Kreuzes und begibt sich in die Obhut Gottes. Das Kreuz ist ein heilsames Zeichen. Es erinnert an den Sieg des Lebens über den Tod, an den Sieg der Liebe über den Hass, es erinnert an Gottes Nähe, selbst in den dunkelsten Momenten des Lebens. Natürlich ist ein Segensgebet keine hundertprozentiger Schutz vor allen Gefahren – aber eine Möglichkeit, den vielfältigen, bangen Gefühlen, die sich heute einstellen, etwas entgegen zu setzen: Gottvertrauen. Segensworte sind heilsame Worte. Wenn sich Pilger auf den Weg machen, bitten sie vorher um einen Reisesegen. Sie vertrauen darauf, dass sie mit Gott gehen. Warum nicht diese Tradition aufnehmen und sich vor dem Start in den Urlaub segnen lassen? Warum nicht einen Psalm aus der Bibel, das Vaterunser oder ein anderes vertrautes Gebet als Reisesegen sprechen – allein oder mit anderen zusammen „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir!“ Dieses Wort aus dem 139. Psalm möge uns alle begleiten, ob wir uns nun in den folgenden Tagen auf den Weg in den Urlaub oder zur Arbeit machen.

Aufbrüche wagen – Wege gehen

Gottes unvermutete Wege. Ansprache zum Abendgottesdienst am 24.7.2016 in Hafenpreppach

Um die Wege zu gehen, die sich vor einem auftun, muss man bereit sein zum Aufbruch. Wege wollen beschritten werden. Auch Lebenswege verlangen Aufbrüche. Die aber können unterschiedlich aussehen. Es gibt geregelte Aufbrüche: in den Urlaub beispielsweise. Darauf kann man sich vorbereiten. Solche Aufbrüche werden gebucht, geplant, mehr oder weniger gut organisiert. Auch ein Wechsel des Wohnorts, ein Umzug, ist so ein Aufbruch. Meistens hat man sich das Ziel vorher schon einmal angeschaut. Man weiß, wo man hinkommen.

Dann gibt es die anderen Aufbrüche. Die, zu denen man gezwungen wird. Ich denke an meine Großeltern. Nach dem Krieg sind sie aus der alten Heimat vertrieben worden. Sie sind nicht geflohen. Sie sind vertrieben worden. Auf diesen Unterschied haben sie großen Wert gelegt. Heimatvertriebene haben sie sich genannt. Sie hatten bei ihrem Aufbruch nur mitnehmen dürfen, was sie am Leib tragen konnten. Mehr nicht. Ihr Lebensweg hat sie an einen Ort geführt, an dem sie noch einmal Wurzeln schlagen konnten. Nicht ganz so tief in die neue Erde sind sie vorgedrungen, die Wurzeln. Aber tief genug, um bleiben zu können.

Meine Großeltern leben nicht mehr. Manchmal frage ich mich, was sie wohl zu Flüchtlingsströmen von heute gesagt hätten. Ob sie Verständnis gehabt hätten für den riskanten Aufbruch aus der alten Heimat, die waghalsige Reise in einem Schlauchboot übers Meer oder zu Fuß übers Land? Ob sie ein gutes Wort, ein Stück Brot oder einen Geldschein übrig gehabt hätten für die Ankömmlinge in den Flüchtlingsunterkünften, die kein Deutsch sprechen und einer fremden Religion anhängen? Ehrlich, ich weiß es nicht. Manche vergessen mit der Zeit, dass sie selbst einmal gezwungen waren, diese Wege des Aufbruchs zu gehen.

Aufbrüche im Leben. Neue Wege, die zu gehen sind! Kurs – und Planänderungen! Das Leben, das Schicksal, ist erfinderisch und manchmal auch grausam. Es gibt Situationen, in denen man sein Leben neu überdenken muss, weil einen etwas aus der Bahn geworfen – oder weil irgend etwas den bisher überschaubaren Kurs ins Schlingern gebracht hat: eine Krankheit zum Beispiel, deren Ende noch nicht abzusehen ist, ein Erlebnis im Leben, das man „verdauen“ muss, die unvorhergesehene Begegnung mit einem Menschen, die es zu verarbeiten gilt. Bei solchen unvermuteten Auf – Brüchen im Leben schaut man aus nach Hilfe. Welche Wege soll man gehen? Es fällt nicht immer leicht, sich allein an neue Aufbrüche zu wagen, einen neuen Weg ins noch Ungewisse allein anzutreten oder es zu verarbeiten, wenn der Weg auf einmal abbricht.

Die Bibel ist voll mit Geschichten über Menschen, die im Aufbruch sind, die neue, unbekannte Wege gehen müssen. Abraham ist so einer gewesen. Wohlhabend war er. Eigentlich hätte er zufrieden sein können. „Meine Zelte, meine Herde, mein Land!“ hätte er beim Anblick seiner Besitztümer sagen und sich zufrieden zurücklehnen können. Jetzt ist der Weg zu Ende, jetzt ist die Zeit des Stillstands, des Ruhestands. Jetzt ist Zeit, um das Alter zu genießen, zusammen mit Sara, seiner Frau. Doch Abraham ist nicht zufrieden. Viel mehr als die Gicht in den Knochen, viel ärger als das Rheuma in den Gelenken schmerzt die Lücke. Da fehlt ein Teil, der Lebenswerk erst vollständig sein lässt. Da fehlt etwas in seinem Leben. Groß ist die Sehnsucht nach einem Menschen, der Vater zu ihm sagt, groß ist die Sehnsucht nach einem Kind, der das Erbe pflegen, die Arbeit fortsetzen wird. So bricht alles irgendwann einmal ab. Ob es eine dieser schlaflosen Nächte war, die alten Leuten manchmal zusetzt, in der Gott zu Abraham spricht? Er gibt ihm einen Auftrag. Abraham wird ins aktive Leben zurückgerufen. Er soll seine Zelte wieder abbrechen. Er ist noch nicht am Ende. Er soll sich auf den Weg machen, ohne zu wissen, wohin ihn dieser Weg führt. Gott wird es ihm zeigen. Dass man einen alten Baum nicht mehr verpflanzt – diesen Einwand lässt Gott nicht gelten. Was sind schon 75 Jahre in den Augen Gottes? Die Geschichte von der Berufung Abrahams ist eine Zumutung. In der Tat. Gott mutet Abraham etwas zu. Und er rüstet ihn aus. Eine Verheißung, ein Segen liegt auf dem Weg, den Abraham gehen soll. Abraham soll den Weg ins Ungewisse nicht allein antreten. Er geht unter dem Segen Gottes.

Ein anderer „Aufbrecher“ ist Jakob – Abrahams Enkel, zwei Menschenleben später. Sein Aufbruch ist hastig gewesen. Zuhause konnte er nicht mehr bleiben. Er hat seinen Bruder übers Ohr gehauen, nicht zum ersten Mal übrigens. Jetzt fürchtet er um sein Leben. Der Bruder will ihn töten. Deshalb hat er alles zurückgelassen – sein Elternhaus, seine Familie, die Freunde. Ob er sie je wiedersehen wird? Die Zukunft ist ungewiss. Irgendwo in der Ferne leben Verwandte. Dort will er unterkommen. Ob er aber willkommen ist, weiß er nicht. Jetzt ist es Nacht geworden. Unterm freien Sternenhimmel legt er sich hin und schläft ein. Jakob hat einen Traum. Er sieht den Himmel offen. Engel steigen die Himmelspforte hinauf und hinab. Oben erscheint Gott selbst. Er spricht zu Jakob. Er hat eine gute Nachricht für ihn: „…siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst.“ Auch Jakob braucht den Zuspruch, den Segen der Wegbegleitung. Denn er hat noch einen weiten und gefährlichen Weg vor sich. Dieser Weg wird nicht so sehr in Kilometern oder Meilen gezählt. Er wird in Jahren gezählt und vielleicht auch in Tränen. Jakob muss umdenken, muss loslassen, muss mit sich und dem Engel Gottes ringen, bis er zu der Einsicht kommt, die ihn mit Gott und der Welt und sogar mit dem Bruder aussöhnt. Da vergehen Jahrzehnte. Dennoch: am Ende erfährt Jakob, dass Gott zu seinem Wort steht, dass er seinen Weg wirklich unter dem Schutz und geborgen in der Obhut gehen konnte.
Wie unsere Wege verlaufen, wissen wir nicht. Wir wissen nicht, welches Gefälle oder welche Steigungen auf uns warten. Ob es überschaubare Wege sind, die wir gerne gehen oder gefährliche, ob es freiwillige oder erzwungene Wege sind. Die Väter des Alten Bundes lehren uns, Gott zu vertrauen. Auch uns begleitet Gottes Verheißung. Auch uns ist Gottes Wegbegleitung versprochen. Im Taufbefehl sagt Jesus zu seinen Jüngern: Siehe, ich bin bei euch, alle Tage, bis an der Welt Ende. Vielleicht lindert dieses Wort die Angst vor den Aufbrüchen ins Ungewisse, zu denen uns das Leben immer wieder veranlasst. Wir gehen unsere Wege nicht allein. Wenn Gott mit uns geht, wenn er auf uns schaut, können wir unsere Wege gehen, alle, die, die wir uns gewählt haben ebenso wie die, die sich manchmal unvermittelt auftun. Amen.

Mit den Pfunden wuchern

Gedanken zum 9. Sonntag nach Trinitatis

„Junge, du hast Talent, du bist nur zu faul zum üben…“ sagte mein Klavierlehrer zu mir, als ich noch ein Bub war. Er hatte Recht. Ich hatte einfach keine Lust auf Fingerübungen, auf Beethovens „Für Elise“ und Schumanns „Fröhlichen Landmann.“ Dass ich keine Lust hatte, wollte ich nicht zugeben. Da war es einfacher, den Kopf hängen zu lassen und zu sagen: „Ich kann das nicht!“ Wer weiß, was aus mir geworden wäre, wenn ich auf meinen Lehrer gehört hätte? Im Sonntagsevangelium geht es um anvertraute Talente. Da handelt es sich allerdings nicht um musische Begabung, sondern um materielles Vermögen, um eine Menge Geld. Da werden wir dann hellhörig. Bei Geld hört nämlich der Spaß auf. Wenigstens für die meisten von uns. Vielleicht können viele von uns den Mann verstehen, der seine Angestellten nach Erfolg und Leistung belohnt. Weil er verreisen musste, hat er ihnen sein Vermögen anvertraut. Der Erste bekam fünf Zentner Silber, der andere zwei und der dritte einen. Wahrscheinlich kannte der Chef seine Mitarbeiter und hatte das Geld nach ihren Fähigkeiten und Begabungen verteilt. Nach der Rückkehr des Chefs sollte die Abrechnung sein. Die beiden „Knechte“, die ihren Einsatz geschickt auf zehn und vier Zentner verdoppelt hatten, wurde über den grünen Klee gelobt und belohnt. Einen Mordsanpfiff samt fristloser Kündigung erhielt der dritte. Dabei hatte er doch gar nichts getan. Und genau das war sein Fehler. Er hatte den Zentner Silber einfach vergraben. Das ist natürlich keine gewinnbringende Anlage. Vielleicht hatte er sich folgendes gedacht: „Der Chef geht auf Reisen und ich soll seine Arbeit machen? Kommt nicht in die Tüte! Wenn ich mich verspekuliere, dann bin ich erledigt!“ Er wollte einfach keine Verantwortung übernehmen. O Mann war da der Chef sauer. Man muss „mit den Pfunden wuchern“ – diese Redensart bezieht sich auf unser Gleichnis. Was man hat, muss man einsetzen, möglichst gewinnbringend. Phantasie, Köpfchen, Geschick, eben alles, was einem der Herrgott an Fähigkeiten geschenkt hat, soll man auch gebrauchen. Das Evangelium ist macht Mut, auch mal was zu riskieren. Nur wer wagt, gewinnt! Gott hat jedem Talente gegeben, die man im Leben einsetzen soll. Jetzt spreche ich wieder von unseren Begabungen, nicht vom Kontostand. Unsere Talente und Begabungen sind der wahre Reichtum, den ich mehren soll. Deshalb ist das Evangelium ein gut gemeinter aber durchaus kräftiger Tritt in den Allerwertesten für alle die den Hintern nicht hochkriegen. Du kannst etwas, also trau dich! Setz deine Gaben ein, vergrab sie nicht, lass sie nicht vermodern. Auch der Wochenspruch schlägt in diese Kerbe: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen. Und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern!“ „Was hast du aus den Gaben gemacht, die ich dir gegeben habe?“ Irgendwann einmal wird Gott uns das fragen. Bitten wir ihn darum, dass wir die Begabungen, die er uns ins Herz gelegt hat, unsere Fähigkeiten und Talente erkennen, annehmen und gebrauchen – zu unserem Heil und zu Gottes Lob. (blog.stefankoettig.de)